Ausgabe 2/2010
Ausgabe 2: 1. Juni 2010Editorial
Zunehmende Verdrängung und Institutionalisierung
Der „Heimarzt” ist keine Patentlösung
Linderung von Beschwerden und Symptomen, Betreuung und Begleitung ist bei vielen schwerwiegenden Erkrankungen, die ohne Aussicht auf Heilung ertragen werden müssen, immer schon ärztlicher Alltag. Die zunehmende Bedeutung von Palliativmedizin und Hospizarbeit in den letzten Jahren macht das immer wieder deutlich. Auf professioneller Seite veränderten die Grundprinzipien der Palliativmedizin mit der starken Betonung der Lebensqualität der Betroffenen und dem patientenzentrierten Vorgehen bei medizinischen Problemen nahezu jedes klinische Fach. Auf der gesellschaftlichen Seite hat die tätige Hospizarbeit als Bürgerbewegung einen starken Kontrapunkt zur rein naturwissenschaftlich orientierten Medizin mit einem technisierten und medikalisierten Sterben gesetzt. Immer mehr wird so für die Menschen fassbar, dass die moderne Medizin in vielen Bereichen keinen kurativen Ansatz hat. Wir alle müssen ein besonderes Augenmerk auf die zuverlässige Betreuung und umfangreiche Versorgung der Patienten sowie die kompetente Linderung von Beschwerden haben.

Dr. med. Peter Engeser,
Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität Heidelberg
Foto: privat
Das hier vorliegende Heft zeigt in besonderem Maße, welche Veränderungen in den letzten Jahren in den klinischen Fächern stattgefunden haben. In dem Beitrag von Christoph Gerhard (Seite 28) werden eindrucksvoll die Möglichkeiten der Schmerzerfassung bei kommunikationsgestörten Patienten dargelegt. Die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung dieser Erkrankungen bei Menschen, die über viele Jahre mit schwerwiegenden Versorgungsproblemen leben müssen, ist ein wichtiges Beispiel für Veränderungen im medizinischen Alltag. Die zunehmende Anzahl von Demenz- und Wachkomapatienten im praktischen Medizinbetrieb als Folge einer immer erfolgreicheren Akutmedizin macht uns als Betreuer ohnmächtig angesichts des Leidens von Patienten und deren Angehörigen.
Häufig ist der Ausweg für viele Betroffene die Unter bringung in einem Pflegeheim. Schon immer aber ist das Pflegeheim Gegenstand erbitterter Konfrontation. Plakativ wird immer wieder eine bessere Versorgung der Bewohner angemahnt. Die Medien berichten häufig über Missstände in der Betreuung der Bewohner. Immer wieder werden die tätigen Versorger – Pflegepersonal, Haus- und Fachärzte – die täglich ihre schwere Aufgabe leisten (siehe dazu auch den Beitrag von Hans Gutzmann und Manfred Koller, Seite 44), durch diese Berichte diskreditiert. Tatsächlich ist aber eine Gesellschaft, welche die Probleme der Heimbewohner – somit der eigenen Eltern und Vorfahren – institutionalisiert und aus dem persönlichen Umfeld verdrängt, zu hinterfragen. Fehlende Mittel in der Altenpflege, unzureichende psychosoziale Betreuung, regressbewehrte Verordnung von Medikation, Heil- und Hilfsmitteln sowie zunehmende Schikanen durch bürokratische Hürden führen zum Sys temversagen – aber das ist der Alltag in der Heimbetreuung. Die Problemlösung durch einen „Heimarzt“ kann nur kurzfristig Erleichterung bewirken, da auch dieser in der Gesundheitsbürokratie aufgerieben werden wird.
Palliativmedizin steht für eine lebensqualitäts-und patientenorientierte Versorgung im Klinikalltag. Palliativmedizin ist aber auch Praxis in der Grundversorgung – egal ob Pflege oder Medizin. Die Beiträge in diesem Heft zeigen eindrucksvoll die Vielfalt der medizinischen Probleme, geben Lösungsansätze und zeigen die Notwendigkeit einer breiten palliativmedizinischen Versorgung für alle Bevölkerungsgruppen.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Peter Engeser
Dr. med. Peter Engeser
E-Mail: peter.engeser@med.uni-heidelberg.de
